Werner Bergengruen (1892-1964), einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts und von der Kritik wegen seiner Zuru"ckhaltung dem Nationalsozialismus gegenu"ber als einer der fu"hrenden Ko"pfe der „inneren Emigration“ oder besser der „unterirdischen Literatur“, wie er selber sagte, eingestuft, plante erst gegen Ende seines Lebens, seine in u"ber zwanzig Jahren zusammengetragenen zeitkritischen Gedanken zu vero"ffentlichen. Als Titel schwebte ihm „Compendium Bergengruenianum“ vor.
Frank-Lothar Kroll, der Pra"sident der Werner-Bergengruen-Gesellschaft und Ordinarius fu"r Europa"ische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in Chemnitz, hat jetzt zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen eine thematische Auswahl aus dem insgesamt 29 Kladden umfassenden Gesamtkonvolut, das als Teil des Nachlasses im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt wird, herausgebracht. Zwei sachkundige Einleitungen und ein Kommentar, der Eigennamen erla"utert, historische Anspielungen aufschlu"sselt und weiterfu"hrende Literaturhinweise mitteilt, begleiten den Text.
Der Herausgeber hat vor allem die Tagebucheintra"ge ediert, die Bergengruens Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich na"her beleuchten. Der mit einer „Dreiviertelju"din“ verheiratete Deutsch-Balte sah den Nationalsozialismus im Preu?entum und im Protestantismus verankert. Der preu?ische Adel habe nie eine reichsritterliche Tradition besessen und kein gesamtdeutsches Verantwortungsgefu"hl entwickelt. Seine Offizierskaste habe sich folglich zum Ma? aller Dinge genommen und den deutschen Untertanengeist befo"rdert. Diese Auffassung du"rfte auch einer der Gru"nde dafu"r sein, warum der Schriftsteller 1936 zum Katholizismus konvertierte und dadurch seine Au?enseiterstellung im Dritten Reich noch unterstrich.
Zwar wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und in einer in einem Dokumentenanhang mitgeteilten Beurteilung der NSDAP-Ortsgruppe Mu"nchen-Solln als politisch unzuverla"ssig eingestuft, aber dennoch durfte er mit Sondergenehmigung weiter vero"ffentlichen. Dabei kam ihm zugute, dass er zu der aus politischen Gru"nden bis zum Kriegsausbruch geha"tschelten Gruppe der auslandsdeutschen Schriftsteller gerechnet wurde. Wie schon in seinem Erfolgsroman „Der Gro?tyrann und das Gericht“ von 1935 kreisen auch alle u"brigen Werke aus diesen Jahren, handele es sich um Romane, Novellen oder Gedichte, um Schuld und Untergang. Sie konnten ohne Mu"he politisch gedeutet werden, auch wenn sich Bergengruen spa"ter dagegen verwahrte, und ero"ffneten zahlreichen Lesern trostreiche Perspektiven in dunkler Zeit.
Das unheimliche Gesetz
Bergengruens Aufzeichnungen unterscheiden sich von den zeitgleichen Tagebu"chern eines Ernst Ju"nger, Reinhold Schneider, Felix Hartlaub, Jochen Klepper und anderer vor allem dadurch, dass sie Kommentare zu den politischen Ereignissen vermeiden. Es handelt sich vielmehr um Reflexionen und Aphorismen ho"chst unterschiedlicher La"nge in der in Deutschland selten gepflegten Tradition der franzo"sischen Moralisten des „grand sie`cle“. Dafu"r ein Beispiel: „Auch dies ist sehr preu?isch und sehr protestantisch, da? in dem beru"hmten Konflikt zwischen Pflicht und Neigung das Gewissen immer zu Gunsten der Pflicht zu entscheiden gehalten ist“. Nicht minder hellsichtig und sarkastisch sind die Portra"ts einiger Schriftstellerkollegen, die der Hakenkreuzfahne nachliefen. Bergengruen glaubte, ein „unheimliches Gesetz“ festzustellen, „wonach alle Menschen geistigen Ranges, die sich mit dem braunen Ungeist einlie?en, diesen Rang fast augenblicklich einbu"?ten“.
Dementsprechend kaustisch sind seine Urteile: Bo"rries von Mu"nchhausen sei kein ritterlicher Dichter, sondern ein parvenu"haft aufgeblasener Schulmeister, Hans Friedrich Blunck, an sich „eine gleichgu"ltige Null“, habe es im Dritten Reich als gescha"ftstu"chtiger Karrierist an die Spitze des braunen Literaturbetriebs gebracht, Ina Seidel sei uneingeschra"nkt den Lockungen der „nationalsozialistischen Herrlichkeit“ erlegen.
Was Bergengruen nach Kriegsende, inzwischen in die Schweiz u"bergesiedelt, zum Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit und zum „Emigrantenkoller“ schrieb, war nicht minder provokativ. So geht der hier gebotenen Auswahl eine ironische Selbstinterpretation des Namens in Form eines alten Sprichworts als Motto voraus: „Wer sich gru"n macht, den fressen die Zicken. Ich habe mich gruen gemacht, und da haben mich die Zicken gefressen. Sie werden nicht Ruhe geben, bis das letzte Blatt abgerupft ist“. Im Jahr 1959, als Bergengruen dies schrieb, wa"re der Vorwurf der Selbstgerechtigkeit oder Mitschuld vermutlich nicht ausgeblieben. Heute mo"chte man diesem Buch voll ho"chster Sensibilita"t fu"r die gesamte Tonleiter moralischer, politischer und a"sthetischer Missto"ne deutschtu"melnder Verirrungen vor, im und nach dem Dritten Reich nichts als Bewunderung zollen.
FRANK-RUTGER HAUSMANN
WERNER BERGENGRUEN: Schriftstellerexistenz in der Diktatur. Aufzeichnungen und Reflexionen zu Politik, Geschichte und Kultur 1940-1963. Hrsg. von Frank-Lothar Kroll, N. Luise Hackelsberger und Sylvia Taschka. R. Oldenbourg Verlag, Mu"nchen 2005. 298 Seiten, 8 Abb., 34,80. Euro.
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